Kategorie: Europa

Niederlande: Der Kunst-Hafen

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Wo der Rhein endet, da beginnt die weite Welt. Rotterdam verbindet als größter Hafen des Kontinents die Vorzüge Europas mit dem Angebot des Welthandels. Hier wird mancher Trend getestet, der auch in Deutschland Einzug halten könnte.

Die neue Markthalle mit ihrem farbigen Deckenbild ist seit 2014 das neue Zentrum Rotterdams.

Der malzige Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen aus Brasilien, das würzige Aroma grünen, weißen und roten Pfeffers aus Indonesien und dazu ein scharfer Chiligouda aus südholländischer Produktion – in der neuen Markthalle von Rotterdam vermengen sich alle diese Gerüche zu einer kosmopolitischen Melange. Wie ein langgezogenes Hufeisen ohne erkennbare Kanten steht der elf Stockwerke hohe Bau seit 2014 als neues Zentrum der Stadt am Grotemarkt. „Bleistiftspitzer“ nennen ihn Einheimische. Die Glasdächer und -wände können sich bis zu 75 Zentimeter ausdehnen und sollen damit auch stärksten Herbststürmen widerstehen.

Doch damit nicht genug. Architekt Winny Maas hat die Fassaden so gestaltet, dass darin 228 gestaffelte Wohnungen über der eigentlichen Halle Platz finden. Und unter der Decke tummeln sich Blumen, Früchte, Fische und eine Kuh auf einem modernen Stillleben von Arno Coenen, das die Vorgänger niederländischer Meister in die Moderne führt. Mit 11 000 Quadratmetern ist es so groß, dass der Entwurf an Großrechnern der Trickfilmschmiede von PIXAR gerandert werden musste, weil die Rechenkapazität in den Niederlanden dafür nicht ausreichte.

Die Markthal ist luftiges Zeichen der Neubestimmung. Nachdem der boomende Güterumschlag im größten Hafen Europas – dem drittgrößten der Welt – immer weiter auf aufgespülte Areale in der Maas-Mündung verlagert wurde, haben sich die 630 000 Einwohner diesen Teil ihrer Stadt in den letzten 30 Jahren zurückgeholt. Alte Hafen- und Industrieviertel wurden saniert und mit neuem Leben gefüllt.

„Rotterdam ist heute die hippste Stadt der Niederlande und ein Trendsetter für Design und Architektur in ganz Europa“, glaubt Juriaan Boermann. Der 26-jährige IT-Student zeigt in seiner Freizeit Besuchern die neuen Wahrzeichen in der modernen Hochhaus-Landschaft. Das Geld aus der Hafenwirtscahft, die mit einem Umschlag von 450 Millionen Tonnen jährlich in der Region rund 320 000 Arbeitsplätze sichert, wurde in wegweisende Neubauten investiert, hat viele Architektenbüros angelockt und zu einer kulturellen Blüte geführt. Erste Wegmarke waren die verschachtelten Kubus-Häuser der frühen 1980er, die heute doch eher wie ein gut gemeintes Experiment wirken.

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