Kategorie: Europa

Nordirland: Die Friedensboten von Belfast

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Der Schatten des Nordirland-Konfliktes liegt noch immer über der Region. Aber es gibt auch eine touristische Form der Bewältigung: Ehemalige Aktivisten beider Konflikt-Parteien geben bei Führungen persönliche Einblicke in ihre Geschichte

Mark saß für die IRA im Gefängnis. Heute empfängt er Besucher am Eingang der katholischen Falls Road.

Textilindustrie, Werften und Maschinenbau haben Belfast groß gemacht. Es war mithin kein Zufall, dass 1911 gerade hier bei Harland & Wolff mit der RMS Olympic der größte Dampfer seiner Zeit vom Stapel lief, das Schwesterschiff der Titanic. Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt schneller als Dublin im Süden. Nirgendwo erlebt man den Bürgerstolz jener Jahre eindrücklicher als auf dem Donegall Square im Stadtzentrum. Gekrönt von einer 53 Meter hohen Kupferkuppel und vier Seitentürmen erzählt dort das prächtige Rathaus im Neo-Renaissance-Stil aus dem Jahr 1906 vom viktorianischen Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Nur wenige Straßen weiter erklärt der ehemalige IRA-Aktivist Mark im Trainingsanzug aus Ballonseide einer deutschen Reisegruppe, dass auch 2016 noch viele katholische Iren mit den Briten in Nordirland keineswegs ihren Frieden gemacht haben. Von 1976 an saß Mark ein Jahrzehnt lang für seine Gesinnung und seine handfesten Aktionen in Haft. Er war einer derjenigen, die sich weigerten, Sträflingskleidung zu tragen, um nicht als gemeine Kriminelle gebrandmarkt zu werden. In Decken gehüllt saßen sie monatelang in ihren Zellen.

Vier Jahrzehnte später führt Mark heute für die Nichtregierungs-Organisation Coiste regelmäßig Besuchergruppen durch die Falls Road. In dem traditionell katholischen Arbeiterviertel mit seinen kleinen Reihenhäuschen aus rotem Klinker ist man noch immer weit weg vom Pomp des wieder aufgeblühten Geschäftsdistrikts. An vielen Mauern und Fassaden erinnern plakative Wandbilder an die Zeit der „Troubles“, wie alle in Nordirland den Bürgerkrieg zwischen Großbritannien treuen Protestanten und den auf Abspaltung drängenden katholischen Republikanern beschönigend nennen. Tatsächlich kamen in den Jahren 1969 bis 1998 rund 3500 Menschen ums Leben, die Hälfte davon Zivilisten. Und auch wenn Nordirland heute viele Touristen mit seinen Naturschönheiten wie dem Giant’s Causeway oder der vollständig erhaltenen Stadtmauer von Derry anlockt, bleibt der Konflikt prägend für das Leben in dem britischen Landesteil.