Kategorie: Europa

Österreich: Ruhe auf dem guten Berg

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Für ein halbes Jahrhundert war der Dobratsch ein Ski-Berg wie jeder andere. Dann stellte die Stadt Villach die Lifte ab und erklärte das Massiv zum ersten Naturpark in Kärnten. 15 Jahre später wünscht sich sogar Hüttenwirtin Andrea Riedel noch mehr Natur.

Auf dem Dobratsch in Kärnten lässt sich der Winter ohne Skizirkus genießen.

Der Dobratsch habe die Menschen unten im Tal schon immer beschäftigt, sagt Alexander Kleinegger mit Begeisterung in der Stimme. Kleinegger, studierter Gebirgsgeograph mit Pferdeschwanz unter der Pudelmütze, lehnt am neuen Metallgeländer eines Aussichtspunktes rund 1600 Meter über dem Meer. Als natürliche Bastion ragt der Dobratsch hier weit hinaus in das Tal von Drau und Gail. Gegenüber stehen die spitzen Gipfel der Karawanken – Grenzberge zwischen Österreich, Italien und Slowenien. Rechts lassen vereinzelte Sonnenstrahlen zwischen den Wolken die markante Rote Wand aufleuchten, an der das Bergmassiv mehrere Hundert Meter fast senkrecht ins Tal abfällt.

Die Rote Wand ist das Ergebnis einer dramatischen Geschichte. Am 25. Januar 1348 hatte ein Erdbeben im nahen Friaul auch den Gipfel des Dobratsch ins Wanken gebracht. Zuvor hatte es viel geregnet. Der Wettersteinkalk mit seinen vielen Klüften und Spalten war aufgeweicht und ins Rutschen geraten. Insgesamt 150 Millionen Kubikmeter Gestein polterten ins Tal und verschütteten angeblich 17 Dörfer. Die Trümmer stauten die Gail zu einem neuen See. „Es war in jedem Fall der größte Bergsturz der Ostalpen in historischer Zeit“, sagt Kleinegger ehrfürchtig. Der Landesherr, der Erzbischof von Bamberg, war über die Nachricht derart entsetzt, dass er den Überlebenden der Katastrophe unbürokratisch neues Ackerland zum Siedeln schenkte. Ein Fehler – wie sich erst viel später zeigen sollte.

Knapp 350 Jahre später soll der Berg einem jungen Mann sein Gehör und seine Stimme zurückgegeben haben. Genauer gesagt war es die Gottesmutter Maria, die auf einem Stein knapp unterhalb des Gipfels und dem Abbruch in die Bösen Gräben gesessen und einen Hirtenstab gehalten haben soll. Frau Semmler, die Mutter des Jungen, war derart froh, dass sie ihrem Burschen endlich die Meinung sagen konnte, dass sie 1690 eine Kapelle erbauen ließ. Allerdings lag die wegen ungünstiger Besitzverhältnisse einige Hundert Meter entfernt vom Ort der Erscheinung. Das ließ den Bergleuten, die am Dobratsch Kupfererze schürften, keine Ruhe. Zwei Jahre später bauten sie eine zweite Kapelle an der richtigen Stelle, die höchste der Ostalpen.

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