Kategorie: Europa

Schweiz: Salami unterm Hemd

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lang war Schmuggel im Schweizer Grenzgebiet zu Italien und Frankreich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Über die Berge steigt dazu heute niemand mehr. Doch die Tradition hat Spuren hinterlassen und in manchem Koffer und Kofferraum finden die Zöllner immer noch Erstaunliches.

Am Lago Lugano führte manche Schmugglerroute der Vergangenheit einfach über den See.

Das also war ihr Arbeitsweg. Durch einen schattigen Hohlweg führt ein Feldsteinpfad aus dem Bergdorf Scudellate hinaus, unter lichten Kastanienbäumen entlang, die dem ganzen Muggio-Tal bis heute begehrte Früchte und Honig liefern, an einer Kapelle vorüber – etwas Beistand von oben konnte schließlich nicht schaden – und dann hinunter in den Blicke schluckenden Wald. Heimlich schlichen sie schließlich durch den Grenzbach Breggia, vorbei an der Casa della Dogane – der Zollstation im italienischen Grenzdorf Erbonne – und konnten spätestens 16 Kilometer weiter unten am Lago di Como ihre Pakete vom Rücken wuchten. Kurzum: Die Route, die Hunderte Schmuggler über Generationen hinweg und bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts für ihr klandestines Geschäft nutzten, führt durch eine Idylle mit Aussichten wie aus dem Bilderbuch. Ein Wanderweg mit ein wenig Nervenkitzelfaktor. „Glauben Sie nicht, es wäre ein Spaziergang gewesen“, sagt Donatella Gerosa, die Besucher im kleinen Grenzverkehr zwischen Scudellate und Erbonne durch das südlichste Tal der Schweiz geleitet.

Im Tessin, das sich wie ein spitzes Dreieck nach Italien schiebt, ist man stolz auf die Geschichten der Schmuggler, die mit Ausdauer und Kraft den Wohlstand in der armen Grenzregion mehrten. So stolz, dass die Fremdenverkehrsämter das Thema aktiv vermarkten und Donatella Gerosa mit dem Pressevertreter zum Ortsbesuch in die Berge schicken. Heute täte sich die Strapazen jedenfalls niemand mehr an, die die Spalloni, die Männer mit ihren starken Schultern, damals für ihren Lebensunterhalt in Kauf nahmen, ist die Bergführerin sicher. Schon mit dem Auto gleicht der Weg hinauf ins Muggio-Tal einer Achterbahnfahrt auf enger Trasse mit Baustellen-Schikanen, uneinsehbaren Kurven und starken Steigungen. In 900 Metern Höhe und im Schatten des Grenzbergs Monte Generoso ist man dann weit weg vom Rest der Schweiz. Die Häuser sind in Pastellrot getüncht, die Küche ist italienisch, die Sprache sowieso. Da lagen geschäftliche Beziehungen ins Nachbarland auf der Hand, zumal Erbonne einst als Alm von Scudellate entstanden war. So taten sich findige Geschäftsleute auf beiden Seiten der Grenze zusammen, zerschnitten einen Lira-Schein als Zeichen ihres Kontraktes und jeder bekam eine Hälfte. Schließlich waren Zigaretten, Zucker, Kaffee oder Suppenwürfel in Italien wesentlich teurer als bei den Eidgenossen. In großem Stil kaufte ein Padrone das Zeug beispielsweise in Lugano auf und heuerte Träger und einen Führer an. 30 bis 50 Kilo packte jeder der Männer in seinen Tornister. Den hatte er aus Jutestoff meist selbst genäht. Auch Hunden wurden Kaffeesäcke oder Zigarettenstangen auf den Rücken gebunden. Wenn dann eine mondlose Nacht über Scudellate und die anderen Grenzdörfer hereinbrach, machte sich bisweilen das halbe Dorf auf die Socken. Ja, Socken: Kurz vor der Grenze schlüpften die Männer in Überschuhe aus Jute, um ihre Spuren zu verwischen.

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