Kategorie: Europa

Schweden: Absteigen ist Ehrensache

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Tiefenentspannung pur vermittelt 20 Kilometer weiter Tjolöholms Slot. Der schottische Dandy James Dickson ließ das Haus mit 35 Zimmern und 13 Kaminen 1898 - 1904 im Tudor-Stil errichten, weil er hier eine Pferdezucht aufbauen wollte, ist auf der Schlossführung zu hören. Blöderweise schnitt er sich vorzeitig an einem Champagnerverschluss und hielt den Metallbügel gegen die Blutung. Gattin Blanche tröstete sich mit dem Vermächtnis von 21 Millionen Kronen sowie 20 000 Flaschen Rotwein und einem riesigen Staubsauger mit 40 Meter langem Schlauch über den Verlust des Bleivergifteten Gatten hinweg. In den liebevoll bis ins Detail restaurierten Puppenstubenhäusern der Bediensteten kann heute jedermann ein paar ruhige Tage im Grünen verbringen. Das Frühstück wartet fertig im Kühlschrank. Nur den Kaffee muss man selbst aufsetzen.

Weiter südlich – jenseits von Pers Porridge-Küche und der Holzstadt Falkenberg mit ihrer imposanten Zollbrücke von 1756 – hat sich ein anderer Per seinen ziemlich coolen Urlaubstraum an den Strand gesetzt. In seinem Design-Hotel Tylösand präsentiert Roxette-Sänger Per Gessle 500 individuell ausgewählte zeitgenössische Kunstwerke, eine Bar mit Band-Memorabilia und jeden Sommer ein großes Open-Air-Konzert. Am Strand üben Schwedens Rettungsschwimmer in Neopren der doch recht frischen See und im Pool drinnen laufen Kinofilme.

Ein bisschen verrückt sind sie eben schon die Schweden und besonders hier an der Westküste gerne für ein Experiment zu haben. So ließ sich beispielsweise Annette Ivarsson von einem Rebstock im Hof ihres Ehemanns auf der Halbinsel Kullaberg zum nördlichsten Weinanbau des europäischen Festlands inspirieren. Auf 20 Hektar Fläche kultiviert die in Freiburg zur Weinbauingenieurin ausgebildete Schwedin Weißwein. „Bei dem Seeklima haben wir keinen Bodenfrost“, lobt sie den Standort und füllt einen Probeschluck gleich aus dem Stahltank ins Glas. Direkt verkaufen darf sie freilich nur im Ausland oder über das staatliche Alkoholmonopol. Da kommen die Schweden lieber im Herbst und helfen kostenpflichtig bei der Lese.