Kategorie: Spanien, Europa

Spanien: Beißender Spott und heißes Feuer

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Erst machen Manolo Garcia und die anderen Tischler aus Valencia sich zwölf Tage lustig über die Welt und manchmal auch über Gott. Dann gehen ihre 760 riesigen Figurengruppen in einer heißen Nacht in Flammen auf – in der wohl größten kontrollierten Feuersbrunst Europas. Jetzt sind diese Fallas sogar Welterbe.

Seit dem 18. Jahrhundert zimmern die Tischler aus ihren Holzresten Spottfiguren, die am Tag des Heiligen Joseph in Flammen aufgehen.

2017 ist Manolo Garcia zu seiner Höchstleistung aufgelaufen. Zufrieden und breitbeinig steht der Kunsttischler mit offenem Hemd und Lederjacke auf dem abgesperrten Rathausplatz der Mittelmeer-Stadt Valencia und blinzelt in den wolkenlosen Himmel. 43 Meter ragt dort ein dreibeiniger kühner Turm aus Holz und Kunstharz empor wie die Abschussrampe einer Mondrakete. Tatsächlich ist die kühne Konstruktion aber in den Augen Eingeweihter ein unverkennbares Symbol für das Scheitern größenwahnsinniger Lokalpolitik.

„Diesen Turm wollten die wirklich bauen, in richtig groß versteht sich“, sagt Manolo, der Kunsttischler. Der 58-Jährige deutet auf das pompöse Rathaus der drittgrößten Stadt Spaniens, meint im übertragenen Sinn aber die Vorgängerregierung. Die hatte sich in den Kopf gesetzt, das futuristische Gebäude-Ensemble des valencianischen Star-Architekten Santiago Calatrava an der Mündung des Turia-Flusses mit einem himmelstürmenden Fernsehturm zu krönen. Finanziell ging das Projekt dann in der schweren spanischen Wirtschaftskrise baden. Manolo nennt seine Arbeit Ca-la-trava. Der Name des Architekten wird zum Wortspiel. Trava ist im Spanischen ein Problem. „Zum Glück haben wir eine neue Regierung gewählt. Sonst hätte die Jury mir das wohl nicht erlaubt“, sagt der Künstler spitzbübisch und berichtet, wie er 300 Leute zusammentrommeln musste, um den Koloss mit langen Tauen aufzurichten. Doch der Spott ist von kurzer Dauer. Nach zwölf Tagen nur geht das sarkastische Kunstwerk mit Baukosten von 150 000 Euro wie jedes Jahr in Rauch und Flammen auf. Manolo, der sonst Kulissen für Film- und Fernsehproduktionen baut, wird ihm keine Träne nachweinen. Er sieht es pragmatisch: „So habe ich auch im nächsten Jahr wieder hübsche Aufträge“.

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