Kategorie: Europa

Spanien: Kreatives im Schatten der Kathedrale

Von: Martin Wein (Text + Foso)

In der Calle Hostal gehen Thomas und José Vidal wie seit alters her ihrem Flechthandwerk nach. In ihrer Mimbreria verkaufen sie Körbe, Taschen, Blumentöpfe und Hängematten aus Alfalfa-Gras, Schilfrohr und den Blättern der mallorquinischen Zwergpalme. „Früher war das ein häufiges Handwerk“, erzählt der 90-jährige Thomas. Doch sein Sohn ist einer der wenigen, die in die Fußstapfen ihrer Väter getreten sind. Lange Jahre konnten sie ihre Werkstatt nur halten, weil das Viertel als Umschlagplatz für Drogen verschrien war. Inzwischen ist Palmas Altstadt wieder hip. Viele der aus arabischer Zeit überkommenen schattigen Patios sind restauriert und inzwischen Ziel architektonischer Stadtrundgänge. Dazu kommen die wunderbaren Arabischen Bäder und üppige Jugendstil-Fassaden mit arabischem Einschlag wie am ehemaligen Grand Hotel und in der Calle San Miguel. Die Folge des urbanen Aufwinds: Immobilien können sich viele Einheimische kaum noch leisten.

Das ist im Nachbarviertel Santa Catalina rund um eine neue Markthalle auf der Placa de la Navigacio, wo auch Xisco Fuentes seine Galerie betreibt, kaum anders. Ein Fels in der Brandung ist seit 1286 das Monastir Santa Clara. Die weltabgewandten Nonnen sind für ihre frisch gebackenen Mandelkekse stadtbekannt. Man erhält sie in einem winzigen Verkaufsraum rechts der Kirche durch ein hölzernes Drehfenster, das auch nicht den kleinsten Blick ins Innere des Klosters zulässt. Wer sich aus der ausgehängten Liste nicht entscheiden kann, dem schiebt die durchaus geschäftstüchtige Nonne auf der anderen Seite kichernd eine Kostprobe durch. Zusammen mit einem herrlich dickflüssigen Kakao unter Einheimischen im nostalgischen Kaffeehaus-Interieur der Xocolateria C’an Joan de S‘aico ersetzen sie ein ganzes Mittagessen.

In einem winzigen Atelier in einem Hinterhof schneidert Adriana Meunie an ihrer neuen Modekollektion aus Naturbaumwolle und recyceltem Polyester. Mit einer US-amerikanischen Mutter und einem französischen Vater ist sie als Inselkind kosmopolitisch aufgewachsen, springt zwischen den Kunstgattungen leichtfüßig hin und her. Seit einigen Tagen gilt ihre Aufmerksamkeit allerdings vor allem einer verletzten Möwe. Die hat sie mit gebrochenem Flügel am Hafen entdeckt und mitgenommen. Hitchcock sieht noch immer arg zugerichtet aus. Aber Carpaccio und Cornflakes frisst er mit Vergnügen. Zum Tierarzt traut Adriana sich nicht: „Der würde ihm wohl nur den Hals umdrehen. Ist doch nur eine gewöhnliche Möwe.“ Lieber hat die Möwenmutter Hitchcock selbst den Flügel geschient und hofft nun auf Besserung.