Paulus hat einen kleinen Laden. Gleich rechts hinter dem Bab Scharqi, wo vom Bäcker ge-genüber verführerische Düfte nach Pistazien und Sesam durch die enge Gasse ziehen, ver-kauft er Wasserpfeifen, Schnitzarbeiten und kleine Schatzkästchen mit billiger Intarsienimmi-tation. „Alles, was die Touristen wollen“; entschuldigt er achselzuckend und setzt Tee auf für sich und seinen Gast. Paulus heißt eigentlich Ahmet, aber seit er vor Jahren für einen Do-kumentarfilm in die Tunica des bekehrten Urchristen schlüpfte, hat er ein Polaroid-Foto da-von und die Visitenkarte der ZDF-Redakteurin wie eine Ikone in seinen Geschäftsraum ge-hängt. Hier, hinter dem Osttor, wo vor 1900 Jahren Paulus durch ein Fenster in der Stadt-mauer vor den heidnischen Häschern floh, leben die damaszener Christen noch heute. „Es geht uns gut. Unser Präsident liebt uns“; sagt Ahmet stellvertretend für die christliche Min-derheit in Syrien, etwa 7 Prozent der Bevölkerung.
Und es geht ihnen immer besser, den Syrern. Mit Ende des Ost-West-Konfliktes begann ein erkennbarer Aufschwung, der das Land im Fruchtbaren Halbmond wohl endgültig in die Mo-derne katapultiert. Neue Häuser überall, neue Moscheen und Sportanlagen. Das Militär ist aus dem Straßenbild verschwunden. Baschar al Assad, der Sohn des legendären Löwen von Damaskus, schnurrt mehr, als dass er brüllt wie Vater Hafiz. Die Diktatur von ihrer freundli-chen Seite. Allgemeiner Kompromiss im Land. Solange es steil aufwärts geht, grummelt die Opposition nur im Untergrund.
Brennend heiße Wüstensonne über Dura Europos. Ein aufgeschreckter Skorpion flitzt hastig in neue Deckung. „Nur ganz wenige von denen sind wirklich tödlich, nur ganz wenige“; sagt der Ticket-Mann trocken. Mit seinem lässig geschulterten Gewehr und dem uralten Mofa sieht er aus wie ein Rebell gegen die französische Mandatsmacht. Hart im Nehmen muss er schon sein bei 40 Grad im Schatten, wobei es Schatten praktisch keinen gibt.