Kategorie: Kurioses

Trägt Gott einen Shetland-Pulli?

Von: Von Martin Wein

Auf den sturmumtosten Shetland-Inseln mitten im Atlantik fühlt man sich dem Himmel irgendwie näher. Kein Wunder - hier geht's nach Gott - oder zu ihm?

Im Norden der Hauptinsel Mainland geht es nach Gott.

Kürzlich ist mir beim Stöbern ein Bild in die Hände gefallen, das ich vor Jahren unterwegs aufgenommen habe. Ich war damals weit in den Norden gereist, einmal längs durch Schottland, mit der Fähre von John O’Groats nach Stromness auf den Orkney-Inseln und von der riesigen sichelförmigen Inselbucht Scapa Flow, in der die Kaiserliche Marine 1919 ihre Schiffe selbst versenkte, damit heute Wracktaucher die Inselökonomie ankurbeln, nochmals mit einem Schiff der P&O acht Stunden über stürmische See und verpflegt mit lätschigen Fries und zerkochtem Gemüse aus der Bordküche bis nach Lerwick auf dem Shetland-Archipel.

Schon manches Mal wurde ich belächelt für derart absonderliche Reiseziele, zumindest mit Unverständnis behandelt: „Was willst Du bloß immer in der Einöde?“ Nach dieser Reise kann ich mit gutem Gewissen sagen: Ich habe Gott gefunden!

In der Einsamkeit dieser Felshaufen mitten in der Nordsee hatte ich maulende Robben getroffen am Strand, die mit mir spielten „Ich sehe was, was du auch siehst – und das ist meine Schwanzflosse – und Tschüss“, schmächtige Ponys auf sumpfigen Weiden, die vor allem deshalb so zutraulich sind, weil ein normaler Mensch nie auf ihnen reiten würde, und Trottellummen auf ihren Brutfelsen, die sich lautstark über ihren Namen beschwerten, für den ich ja am wenigsten konnte. Ich hatte die Reste der Steinzeitsiedlung am Jarlshof durchwandert, die heute ebenso ruinös wirkt wie vermutlich vor 2000 Jahren, und ich hatte mich im sicheren Tageslicht an Spukhäuser herangewagt, die dort offiziell in Landkarten verzeichnet sind.

Mit Gott hatte ich nicht gerechnet. Als ich am Tag der Abreise von einem Klippenspaziergang im Norden von Mainland zurück zur Fähre fuhr, tauchte aber links der Straße ein Wegweiser auf: „Gott“. Eine Straße führte in der angezeigten Richtung in geschwungenen Bögen steil hinab zur Küste. Kommen nur deutsche Touristen hier vorbei, oder haben sie IHN besonders nötig, überlegte ich? Oder haben sie es besonders eilig, weshalb ER sich ihnen outen kann, ohne besondere Störungen zu befürchten? Sitzt ER da in seinem Shetland-Pulli in der Einöde, trinkt Tee und lamentiert, dass keiner kommt? Vielleicht sollte ER mal den Timetable der P&O lesen und sich dann rechtzeitiger melden!