Kategorie: Afrika, Namibia

Namibia: Treffpunkt Wasserloch - Notizen aus Okaukuejo

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Löwe

„Es mochten an die drei- bis viertausend Tiere sein; unmöglich auch nur annähernd die genaue Zahl zu schätzen. Atemlos starrten wir auf das graziöse Filigran zierlicher Läufe, auf den tausendfachen Rhythmus geschwungener Rücken und zur Erde gebeugter Nacken, auf das bronzene Leuchten polierter Hörner und auf sonnenwarme Vliese.“ Welch eine Erleichterung im Sommer 1941, als der Auslandsdeutsche Henno Martin in der Trockensteppe Südwestafrikas auf ein ergrüntes Tal mit Springbockherden stößt. Mit seinem Geologen-Freund Hermann Korn und dem Jagdhund Otto versteckt er sich mehrere Jahre lang aus Angst vor südafrikanischer Internierung in der Wüste Namib, nachzulesen in seinem packenden Bericht „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ (Two Books, 2002, 362 Seiten, derzeit vergriffen).

Heutige Reisende kommen ganz offiziell in klimatisierten Reisebussen und Jeeps ans berühmte Wasserloch von Okaukuejo im Herzen des Etosha Nationalparks in Namibia – und sie trachten außer den gelegentlich angreifenden Mücken niemandem nach dem Leben. Die ansässigen Tiere danken dafür an guten Abenden mit ihrer natürlichen Inszenierung vom „König der Löwen“.

Die Rollen in Okaukuejo sind klar verteilt. Eine hüfthohe Steinmauer trennt Mensch und Tier. Nur Warzenschweine und Erdhörnchen wechseln bisweilen die Seiten und kosten vom satten Gras im bewässerten Restcamp. Jeder hat sein eigenes Wasserloch, hüben die Menschen den gekachelten Swimmingpool im Rastlager, drüben die Tiere eine artesische Quelle mit Pumpenunterstützung, die wie ein Bestandteil einer weiten Naturbühne aussieht. Links und rechts Gebüsch, das den vierbeinigen Akteuren sichere Auf- und Abgänge gestattet. Ein paar knorrige Bäume beleben die Kulisse. Scheinwerfer beleuchten von der Dämmerung an die Szenerie. Von einer Webcam wird sie in alle Welt übertragen (www.africam.com).

ZebrasHüben sitzen die Besucher auf Holzbänken oder auf einer Tribüne, wie man sie aus dem Fußballstadion kennt, hinter ihren Teleobjektiven, ein gekühltes Windhoek Lager oder ein Gläschen Amarula-Likör in Händen, ein Beerengebräu mit reichlich Sahne. Drüben steht eine Giraffe breitbeinig am Wasserloch und schaut in die Ferne. Zum Trinken kann sich der Fleckenturm nicht entscheiden, auch als einige Kameraden hinzustaksen. Beim Bücken müssen Giraffen einen Höhenunterschied von fünf Metern überwinden. Blutspeichernde Arterien und ein komplexer Umlenkmechanismus schützen sie vor dem Blutsturz. Trotzdem ist eine trinkende Giraffe eine leichte Beute für Löwen. Da wartet sie lieber noch ein Stündchen – oder zwei.