Kategorie: Tunesien, Afrika

Tunesien - Klein aber fein

Von: Martin Wein

Gleich hinter den Badestränden beginnt das Herz von „petit afrique“ zu schlagen. Antike Ruinen und spartanische Höhlenhäuser zeugen davon, wie die verschiedenen Völker in diesem Zipfel Land heimisch wurden.

Die Kasbah von Hammamet liegt direkt am Mittelmeer. Entdeckt wurde der verschlafene Ort um die Jahrtausendwende von Schriftstellern und Künstlern wie Gustave Flaubert, Oscar Wilde, André Gide und Guy de Maupassant.

Wer über das Meer nach Tunesien kommt, der erlebt ein Afrika im Kleinen. Im Norden und an den Küsten des Mittelmeeres erstreckt sich eine fruchtbare, grüne Kulturlandschaft mit gutem Boden und ausreichend Wasser für die intensive Landwirtschaft. In der Mitte liegt die große Halfagrassteppe mit ihren ungezählten knorrigen Olivenbäumen. Im Süden beginnt das endlose Sandmeer der Sahara. In Felswüsten und Sanddünen, in ausgetrockneten Salzseen und bizarren Gebirgen sind als grüne Inseln die schattenspendenden Dattelhaine der Oasen verstreut. Inmitten dieser landschaftlichen Vielzahl leben die achteinhalb Millionen Tunesier. Sie leben in den großen Städten im Norden und Osten, in den Dörfern und Siedlungen des freien Landes oder als Nomaden auf der ständigen Suche nach Wasser.

Tunesien ist das kleinste Land Nordafrikas und das bei weitem reichste dazu. Erst am 20. März 1956 wurde das ehemalige französische Protektorat selbständig. Damit war der vorerst letzte Schritt in einer wechselvollen Geschichte getan, die beweist, wie begehrt der Nordzipfel Afrikas über drei Jahrtausende war. Schon die Phönizier, die Römer und die Vandalen, später die Byzantiner, die Araber, Spanier, Türken und Franzosen machten der berberischen Urbevölkerung das Land streitig. Daraus entstanden ist ein verwirrendes Mix der Kulturen, eine facettenreiche Verbindung von Tradition und Moderne. Und nur wenige Kilometer von den europäischen Urlaubsghettos entfernt lässt sich dieses faszinierende Land noch recht ursprünglich erleben.

Da sind die großen Schätze der Antike, etwa die spärlichen Reste der alten Handelsstadt Karthago auf dem Byrsahügel bei Tunis. 814 v. Chr. angeblich von der sagenumwobenen Königin Dido gegründet, entstand von hier aus ein gewaltiges Handelsimperium, das von England im Norden bis in den Sahel im Süden reichte. Und so mag es kaum verwundern, dass Staatsanleihen und Aktiengesellschaften zu den großen Erfindungen der Punier gehörten. In Mitteltunesien steht das monströse Theater von El Djem, die mit 60 000 Plätzen drittgrößte Anlage dieser Art im römischen Reich und das bedeutendste römische Monument in Nordafrika. Übrigens wurde das Theater niemals vollendet, war es doch vollkommen überdimensioniert – bei einer Einwohnerzahl von etwa 20 000 Menschen – und diente vermutlich allein als Prestigeobjekt damaliger Stadtoberer.