Kategorie: Nordamerika, USA, Kalifornien

USA: Über den Broadway von Alcatraz

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Auf der einstigen Gefängnisinsel brechen sich die Widersprüche der US-Gesellschaft. Während der Staat Menschen ohne Urteil gefangen hält, erscheinen hier die Fluchtversuche überführter Mörder als Akte der Freiheit. Ein Besuch unter Freiwilligen.

500 Meter lang, 66 Meter hoch wurde der Fels von Alcatraz 29 Jahre zum angeblich sichersten Knast der USA. Männer wie Al Capone machten ihn zum Mythos und begehrten Ziel von Touristen.

„Wenn Sie eine Wahl hätten: Wären sie geblieben oder geschwommen? Auch wenn Sie kaum eine Chance hätten, lebend anzukommen?“ Eindringlich blickt der Ranger in die Runde im gelben Schein der Straßenlaterne. Die Nacht senkt sich bereits über Alcatraz, die berüchtigte Gefängnisinsel mitten in der San Francisco Bay. Die Leute nicken stumm, ein wenig fröstelnd im aufkommenden Abendwind, mit einer Melange aus Schaudern und Ehrfurcht. Sie kennen die ruppige Insel und ihre Geschichten aus zahlreichen Filmen, allen voran „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood von 1979 und „The Rock – Fels der Entscheidung von 1996 mit Sean Connery und Nicholas Cage. Der Ranger setzt nach, eine Lehre fürs Leben: „Nur wer einen Plan hat, der kann überleben.“

Nirgendwo bricht sich die widersprüchliche Seele der USA besser, als auf diesem kargen Felsen. Während der Staat in Guantanamo Bay noch immer ungestraft gegen internationales Recht und die eigene Verfassung Menschen ohne Anklage oder Urteil festhält, ist Alcatraz mit 1,3 Millionen Besuchern jährlich die Touristen-Attraktion Nummer eins an der Westküste. Während sich die Nation in der eigenen Hymne so stolz als „Land of the Free“ besingt, sitzen in keinem anderen Industriestaat mehr Menschen hinter Gittern. Trotzdem wird die Freiheitsliebe von Ausbrechern von den Nachfahren der Scouts und Cowboys unbekümmert als patriotischer Akt gefeiert in den abendlichen Ranger-Programmen auf Alcatraz. Hauptsache man hat einen Plan, sei es auch ein Ausbruchsplan.

Unser Plan ist ziemlich fix: Mit dem Ausflugsboot kommen wir die knapp 1,5 Kilometer vom Pier 44 in Downtown San Francisco herüber, abends, wenn die Massen weg sind. Noch an Land wurde jeder fotografiert, nicht erkennungsdienstlich, sondern fürs Fotoalbum. Alle Getränke müssen an Land bleiben, nur Wasser ist erlaubt auf Alcatraz. „Gehen wir ins Gefängnis!“, flötet die Rangerin am Dock und schreitet voran hinauf zum Zellenblock. Ein Tross von mehreren Hundert – ein intimes Grüppchen angesichts des sonstigen Andrangs – folgt ihr in gespannter Erwartung. 1576 Häftlinge nahmen von 1934 bis 1963 diesen Weg, die ersten zu Fuß, die meisten im Wagen. Darunter Unterwelt-Persönlichkeiten wie Al Capone, Machine Gun Kelly oder Alvin „Creepy“ Karpis.

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