Kategorie: Nordamerika, USA, Kalifornien

Über den Broadway von Alcatraz

Von: Martin Wein

Der Alltag indes war unspektakulärer. 300 Zivilisten lebten zur Aufsicht auf der Insel, darunter 80 Kinder der Bediensteten. Wer sich als Häftling gut führte, der durfte die Bibliothek nutzen und zog in eine der Zellen auf der Ostseite des Gebäudes, wo der Blick auf die Stadt fiel und wo der süße Kakaogeruch aus der Giradelli-Schokoladenfabrik am Ufer an manchen Tagen die Sinne benebelte.

Um hier im Trott des Zellen-Alltags nicht durchzudrehen, brauchte es dennoch eine Perspektive, einen Plan. John Knight Giles hatte einen, erzählt der Ranger als Gute-Nacht-Geschichte beim Abstieg zum Dock. 1935 kam Giles auf die Insel, nach einem Raubüberfall auf den Denver und Rio-Grande Postzug. Als Mörder schon vorbestraft, hatte der 40-Jährige keine Perspektive, die 500 Meter Fels jemals lebend zu verlassen. Doch er blieb ruhig, unauffällig, durfte irgendwann in der Wäscherei Uniformen für die US-Armee waschen, die bald im Zweiten Weltkrieg viel Dreck um die Ohren bekam. Jahr um Jahr glaubte Giles an seinen Plan, schaute wie wir jetzt auf die vorbeifahrenden Tanker und schaffte da und dort Stück für Stück einer Uniform beiseite. Sechs Tage vor dem Atombomben-Abwurf über Hiroshima sah Giles am 31. Juli 1945 seine Chance gekommen. Als um 10.40 Uhr ein Army-Boot auf Alcatraz anlegte, stahl er sich aus dem Dienst davon, schlüpfte in seine geklaute Uniform und ging als technischer Sergeant tatsächlich unbemerkt an Bord.