Kategorie: Nordamerika

USA: Surreales unter Palmen

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

In den alten Lagerbaracken sind teure Restaurants und Galerien eingezogen. Ein Glas Saft kostet hier schnell 10 Dollar. Ende 2015 wurde ein Garten mit Skulpturen und bemalten Rolltoren eröffnet, 2016 eine zentrale Galerie, in der ein aktuell ein bemaltes Motorrad besonderer Blickfang ist. Aber auch in der gesamten Nachbarschaft buhlen lokale Sprayer mit großflächigen Bildern um Aufmerksamkeit. Selbst manche Toilette wurde originell gestaltet. Kunstbusiness und Straßenkunst gehen nahtlos ineinander über. Und auch Ex-Feuerwehrmann Derek Kaplam, dessen berühmte Key Lime Pie Mirka auf ihren Rundgängen zum Kosten anbietet, profitiert. Seine kleine Bäckerei in der North Miami Avenue ist inzwischen landesweit aus Funk und Fernsehen bekannt.

Doch auch jenseits des Hafens in Miami Beach lohnt am Ocean Drive nicht nur ein Blick auf den berühmten Strand. Wo einst Sumpfratten und 32 Arten von Moskitos hausten, hatte Automobil-Millionär Carl Fisher ein Jahrhundert zuvor ein Urlaubsdomizil für die Mittelschicht in den Matsch gestellt. Mutter und Sohn Barbara und John Capitman gaben Mitte der 1970er-Jahre den Anstoß zur Erhaltung der Gebäude-Ensembles. Heute stehen dank ihres Einsatzes 800 Gebäude im Art-deco- und Miami-Modern-Stil unter Denkmalschutz. Auf Rundgängen der Preservation League kann man die Urlaubsträume der 20er- und 30er-Jahre nachempfinden: Wegen fehlender Fahrstühle höchstens dreistöckige Häuser, oft wie ein Schiffsbug gestaltet, mit Leuchttürmen, beschatteten Fenstern mediterranen Anklängen und gliedernden Schmuckornamenten, viele noch in heimeligen Pastellfarben. Julie Fomarg, in Sandalen, Leggins und Wollpullover und nach eigenem Bekunden so verrückt wie das ganze Viertel, führt auch in einige Hotellobbys, wo sie Marmor-Imitate und Scheinkamine zeigt. „Die sollten den urlaubenden Arbeitern Glanz und Status vorgaukeln – selbst in Südflorida“, erklärt sie. Für Wohlbehagen sorgten auch Bilder von Flamingos in den Everglades, die es dort gar nicht gibt. „Egal, hier ist sowieso alles künstlich – von den Palmen bis zum Strand“, verrät Fomarg. Der Sand komme von den Bahamas.