Kategorie: Europa

Luxemburg: Viel Neues auf dem Kirchberg

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Ein Spaziergang durchs Luxemburgs neues Viertel überrascht mit viel moderner Architektur. Selbst die Banken sind phantasievoll und setzen nicht einfach auf verglaste Hochhaustürme.

US-Architekt Ieoh Ming Pei ließ aus weißem Stein und Glas einen unauffälligen, lichtdurchfluteten Museumsbau auf die Grundmauern von Fort Thüngen setzen.

„Vor zehn Jahren war das alles hier noch Wiese. Das ist wirklich impressionant“, findet François Kremer und hebt beide Arme, als wolle er dem Kirchberg-Plateau seinen Segen geben. Kremer, im lässigen Designeranzug mit offenem Hemd gekleidet, ist „Presseoffizier“ der neuen Luxemburger Philharmonie. Und tatsächlich verbreitet deren ovales Foyer, in dem er jetzt steht, eine fast sakrale Atmosphäre. 823 schlanke weiße Säulen in zwei Reihen vor wie hinter der Glasfassade markieren den Übergang von der Place de l’Europe in diesen Tempel der Musikkultur. Das eigentlich Spektakuläre aber ist der große Konzertsaal im Inneren. Der wirkt mit seinem schmalen Zuschnitt viel intimer als es 1300 Plätze erwarten ließen. Architekt Christian de Portzamparc, der in Paris die Cité de la Musique verantwortete, entwarf für Luxemburg diesen Neubau in der Form eines Auges und konnte ihn termingerecht zum Ende der Luxemburger EU-Ratspräsidentschaft 2005 übergeben. Knapp ein Jahrzehnt später ist die Philharmonie auch ein Publikumserfolg: 160 000 Besucher kommen in die 380 Konzerte jährlich – die Hälfte davon für Kinder.

Wer in den zweitkleinsten EU-Staat Luxemburg in der Vergangenheit nur für günstiges Benzin, billigen Kaffee oder Alkohol fuhr, der wird bei einem Architektur-Bummel Augen machen. Auf dem Kirchberg-Plateau gegenüber der historischen Altstadt entsteht derzeit rund um die EU-Gebäude ein ganz neues Viertel, in dem die Philharmonie nur einer der Anziehungspunkte ist. Auch für Bonn könnte man sich im Großherzogtum Inspirationen holen, wie sich Wirtschaft, Kultur und Lebenswelt unter einen Hut bringen lassen. In der Banken- und Finanzkrise hat die Stadt stark Federn lassen müssen. Von 220 Banken sind nur noch 140 geblieben; die aber sind umso präsenter und generieren 50 Prozent der luxemburgischen Bruttowertschöpfung. Auf dem Kirchberg zeigen sie das entlang dem Boulevard Royale, der von einem breiten Autobahnzubringer zur Allee umgestaltet wurde. US-Stararchitekt Richard Meier, der später das Arp-Museum in Rolandseck schuf, entwarf der Hypo-Vereinsbank hier eine offene weiße Rotunde mit einem dahinterliegenden L-förmigen Zweckbau. Heute nutzt die Universität das Ensemble. Die Wirtschaftsberater von KPMG ließen sich ein überdimensioniertes rostiges Eisengitter vor ihre Fassade setzten. Und die Europäische Investitionsbank residiert in einem Glasbau mit gewölbtem Dach, das auf einer Seite zum Boden herabzufließen scheint. Hinter der RTL-Zentrale am Boulevard Konrad Adenauer soll auf dem freien Grasland demnächst ein großes Shoppingcenter und gelockerte Wohnbebauung entstehen.