Kategorie: Spanien, Europa

Spanien: Viktor und der Heidelbär

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

In Spaniens dünn besiedeltem Norden leben noch 250 Braunbären in einem der letzten großen Eichenwälder Europas. Der 22-Jährige Viktor Garcia wirbt bei Touristen und Einheimischen für ihren Schutz anstatt wie die meisten in seinem Alter in der Stadt sein Glück zu suchen.

Man braucht meist ein gutes Teleobjektiv, um die Bären Asturiens zu fotografieren. Foto: Victor Garcia Garcia

Die Anreise ist eine Fahrt ins alte Europa. In vielen engen Schleifen windet sich die Provinzstraße 15 durch das satt grüne Tal des Narcea hinauf in die Berge Asturiens. Viereinhalb Autostunden westlich von Bilbao ist das Hinterland Nordspaniens nur noch dünn besiedelt und von wenigen Straßen zerschnitten. Der viele Regen vom Meer lässt die Pflanzen üppiger sprießen als im Rest des Landes. Hölzerne Kornspeicher auf Stelzen, mit Schieferplatten gedeckt, stehen am Straßenrand. Man lebt noch heute von der Landwirtschaft auf kleinen Parzellen, lokal vom Weinbau – und vom Bergbau. Der hat hier eine Jahrhundertelange Tradition und stellt fast 90 Prozent der Arbeitsplätze.

2018 aber sollen alle unrentablen Kohleminen geschlossen werden. So hat es die EU-Kommission verfügt. Die Angst geht um in der Region um das Städtchen Cangas del Narcea, dass hier dann endgültig die Lichter ausgehen könnten. Neulich gingen die Bergleute deshalb wutentbrannt und lautstark auf die Straße. Wirklich gehört wurden sie nicht im fernen Madrid und im noch ferneren Brüssel. Dabei ist die Lage trotz der Idylle durchaus dramatisch. Seit den 70er-Jahren zog es die Jungen kontinuierlich in die großen Städte, nach Santander, Bilbao oder Madrid im Süden. Die Bevölkerungszahl hat sich seither annähernd halbiert. Trotzdem ist von den verbliebenen Jungen fast jeder zweite ohne reguläre Arbeit. Ganze Dörfer werden zum Kauf für einen symbolischen Euro angeboten, wenn der Investor nur ein tragfähiges Nutzungskonzept vorlegen kann.

Im Straßendorf Tablado ganz im Süden der Autonomen Region Asturien mit einer Handvoll weiß getünchter Häuser mit roten Ziegeldächern will Viktor Garcia Garcia trotzdem bleiben. „Es ist doch nicht mutig, einfach vor den Problemen davon zu laufen“, sagt der 22-Jährige auf Englisch und stemmt die Hände in die Hüften. Gerade den Mangel an Entwicklung, gerade die Stille und Einsamkeit hält der stämmige junge Mann für seine Verbündeten – und die Osos, die Bären. 220 Braunbären leben heute wieder in der entvölkerten Region im Westen der Provinz im riesigen Biosphärenreservat Fuentes del Narcea und sichern Viktor aus Tablado sein Auskommen. 30 weitere Tiere leben isoliert im Osten der Provinz. Im Dorf halten die meisten Viktor für verrückt, weil er mit seinem Onkel Vitorino seit dem Schulabschluss vor drei Jahren den Bären nachsteigt, die als Schafräuber, Honigdiebe und Hühnermörder gelten, „aber darum kümmere ich mich gar nicht“.

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