Kategorie: Europa, Griechenland

Griechenland: Vom archaischen Lächeln zum Körperkult

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

1600 Jahre nach der letzten Olympiade entdeckten Archaölogen und Althistoriker die sinnstiftende Wirkung des Sports. Im Olympias heiligem Hain ist die noch heute spürbar.

Der heilige Hain von Olympia leuchtet unter den rosa Blüten der Judasbäume. Mehr als ein Jahrtausend lang traf sich hier die sportliche Elite aus der gesamten griechischen Welt.

Ein mit Matratzen und Campingzubehör voll gestopfter VW-Bus aus Großbritannien steht neben dem roten Sportwagen aus Italien und der Limousine aus Athen. Selbst der Reisebus aus Wittmund steht unter den schattigen Bäumen am Museum von Olympia.

Auch vor zwei Jahrtausenden kamen Reisende aus allen Teilen der bekannten Welt in den Westen des Peleponnes, zumeist per Schiff allerdings, einige zu Fuß oder mit dem Pferdewagen.

Alle vier Jahre wurde der heilige Hain um den Tempel von Göttervater Zeus zum Nabel der Welt. Für die Olympischen Spiele wurden Kriege unterbrochen und Darlehen aufgenommen, prunkvolle Weihegaben gestiftet und die Besten der Besten auf die oft weite Reise geschickt. Kein Zufall´, dass das goldene Zeus-Standbild des Phidias in Olympia stand – eines der sieben Weltwunder.

Wagenrennen waren stets eine Disziplin für die Noblen. Mit ganzen Gefolgen kamen sie aus der griechischen Welt nach Olympia. Der bronzene Wagenlenker von Delphi aus den Jahren 479/478 v. Chr. gehörte zu einer größeren Statuengruppe.In den letzten Jahren entdeckten Archäologen und Althistoriker die sinnstiftende Wirkung des Sportes für die griechische Antike und damit für unsere abendländische Kultur. Was nachweislich ab 776 v. Chr. als Stadionlauf über 192 Meter seinen Anfang nahm, führte alsbald zu exzessivem Körperkult und zunehmendem Ich-Bewusstsein. Noch heute ist das in der griechischen Skulpturenkunst zu beobachten. Von den starr wirkenden Kuroi, Jünglingsstatuen mit dem stilisierten archaischen Lächeln, wandelten sie sich binnen zweier Jahrhunderte zur lebendigen Darstellung des Einzelmenschen bis zum letzten Muskel.

Die Beschäftigung mit dem Körper rückte den griechischen Recken vermutlich auch die Einzigartigkeit des Individuums ins Bewusstsein und unterschied sie damit von den Despotien des Ostens. Die Erfindung der Demokratie in den 200 Stadtstaaten Griechenlands ist damit nicht allein eine Folge überlegener philosophischer Entwürfe, sondern auch von Diskuswurf, Weitsprung und Fünfkampf.