Kategorie: Nordamerika

USA: Vom Broadway ans Beringmeer

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

850 Kilometer vom nächsten Theater, ja von der nächsten Fernstraße entfernt, hat der Broadway-Schauspieler Richard Beneville an der Beringsee in Alaska sein wahres Zuhause gefunden. Mit Goldgräbern, Aussteigern und Eskimos spielt der 70-Jährige dort Musicals und die Rolle seines Lebens. Vielleicht wird er im Herbst sogar Bürgermeister.

Die Trains to Nowhere stammen aus New York. Sie sind hier gestrandet wie der Schauspieler Richard Beneville.

Viel gibt es nicht zu sehen aus dem kleinen Flugzeugfenster. Hunderte Kilometer struppiger Tundra ziehen vorüber, kahle Berge, dann der weit verzweigte, mäandernde Flusslauf des mächtigen Yukon. Kein Haus, kein Baum, keine Straße geben dieser Landschaftstapete Orientierungspunkte. 850 Kilometer vom Startflughafen Anchorage entfernt schwebt die Boeing der Alaska Airways schließlich auf die Beringsee hinaus und setzt dann in einer scharfen 180-Grad-Kurve hinter einem Felskap zur Landung an. Wie die Landspitze hieß, wusste ein britischer Marine-Kartograph in den 1850ern nicht zu sagen. „? Name“ schrieb er auf eine Küstenkarte. Jemand anderes hielt das Fragezeichen für ein C und das a für ein o. So kamen Cape Nome und damit der Ort dahinter durch einen Schreibfehler um 1900 zu ihrem Namen. Ein Jahrhundert später sieht Nome nicht viel anders aus als damals, als es nach dem größten Goldfund Alaskas praktisch in einem Sommer für 25 000 Menschen und 70 Bars auf den Permafrostboden gezimmert wurde – nur ein Jahrhundert älter. Beim Anflug ziehen sich ein paar windschiefe Bretterfassaden an teils ungeteerten Straßenzügen an der Küste entlang. Eine gehört – will man dem Playboy Glauben schenken – zu einer der verruchtesten 20 Bars der Welt. Zwischen den Häusern hängen Stromkabel, rosten Autowracks, Kettenfahrzeuge, Fischerboote und Hundehütten. Dahinter liegen das neue Krankenhaus auf Stelzen und ein erstaunlich großer Hafen.

Der Empfang in der 3000-Einwohner-Stadt ist nicht weniger rustikal: Im winzigen Terminalgebäude drängen sich Männer in dicken Parkas mit Tarnmustern. Zwei beleibte Typen in gelben Warnwesten wuchten achtlos das Gepäck durch ein Fenster auf eine Metallrutsche. Viele Passagiere haben wohlweislich nur stabile Plastikboxen aufgegeben, mit extrabreitem Paketband fünffach umwickelt. „Birdies“ – grauhaarige Hobby-Ornithologen aus Texas und Georgia auf der Suche nach seltenen Watvögeln – fischen jetzt in dem Durcheinander nach ihrer Ausrüstung. Dazwischen stehen einige Inupiak-Eskimos auf Heimatbesuch und ein junger Mann mit dunkelbraunem Vollbart und robuster Carhartt-Outdoorhose. Der Vollbart erzählt, er solle für den Sommer ein Camp für Goldwäscher außerhalb der Stadt leiten. Viele kämen für ein, zwei Wochen. „Und was sie finden, dürfen sie behalten“, sagt er, „Hey Mann, wir sind hier mitten im zweiten Goldrausch!“

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