Kategorie: Europa, Spanien

Spanien: Yo Silbo!

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Auf der Kanaren-Insel La Gomera pfiffen die Nachbarn sich seit Jahrhunderten den neuesten Tratsch über steile Talgründe zu. Dann zogen fast alle in die Dörfer und nur noch wenige Alte beherrschten die einzigartige Sprache. Inzwischen lernen die Inselkinder sie wieder in der Schule und lachen über eine Smartphone-App zur Übersetzung. Ein Unterrichtsbesuch.

Oskar Nieblo pfeift seine Bestellungen in die Küche. Doch nur wenige Kollegen verstehen ihn noch.

Am Mirador de Abrante im Nordosten der Insel La Gomera schweben Besucher auf einem gläsernen Steg hunderte Meter über dem Abgrund. Direkt unter ihren Füßen liegt das Dorf Agulo mit seinen roten Ziegeldächern umgeben von subtropischem Grün. Gerade voraus rauscht der saphirblaue Atlantik, im Hintergrund bildbandmäßig eingerahmt vom Pico del Teide auf der Nachbarinsel Teneriffa, dem höchsten Berg Spaniens. Ein Panorama wahrhaft zum Niederknien. Doch die zahlreichen Besucher haben nach einem schnellen Foto fast nur Augen für Oskar Nieblo. Wann steckt sich schließlich ein erwachsener Mann einen Finger in den Mund und fängt an zu pfeifen? Oscar macht genau das. Seinen Kellner-Kollegen Jorge im benachbarten Restaurant lässt er antanzen, damit die beiden Silbaradores sich ein wenig im Silbo unterhalten können, der inseleigenen Pfeifsprache. El Silbo heißt übersetzt schlicht „der Pfiff“. Aber Oskar pfeift nicht wie ein Fußballtrainer das mit seiner Trillerpfeife macht, schrill und energisch. Er pfeift melodiös, fast wie ein Vogel. Und er beherrscht nicht nur einen Laut. „Mit Wechseln in der Tonhöhe und der Lautstärke kann man die Vokale a, e, i und o pfeifen und außerdem die Konsonanten ch, k, y und g. Das reicht aus, um jede Sprache der Welt zu übersetzen“, erklärt der 36-Jährige anschließend. Von seinem Vater hat er das gelernt und ist damit heute vielen Altersgenossen einen großen Schritt voraus. Souverän gibt er pfeifend eine Bestellung in die Küche durch: „Una bottella de vino tinto – eine Flasche Rotwein“. Selbst das ungeübte Ohr versteht vor allem die letzten beiden Worte, bei denen Oscars Pfiffe sich in komische Höhen aufschwingen.

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