Kategorie: Europa, Großbritannien, United Kingdom, London

Zu Gast bei Geisterns

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Eine Nacht in London ist immer be-geisternd, ob man Gespenster trifft oder nicht.

Geisterfreie Zone: Rund um die Eros-Statue auf dem Picadilly Circus brodelt im Schein der Leuchtreklame das Leben bis spät in den Morgen.

Damit wir uns gleich richtig verstehen: Wenn Sie in London partout einem Gespenst begegnen wollen, dann besuchen Sie am besten das Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud in der Baker Street oder den "Dungeon", den Gruselkerker  in der Nähe der London Bridge. Die echten Übersinnlichen halten sich im Gegensatz zu den übrigen Briten nicht an Verabredungen, sind launisch, hinterlistig und - das gehört zu ihrem Wesen - ungreifbar. 

Fragen Sie einen Fahrer der berühmten doppelstöckigen Busse nach ihnen, die noch auf zwei besonderen Touristen-Strecken fahren. Fast jeder wird von seltsamen Begegnungen in den Nachtstunden berichten. Wenn selbst in der pulsierenden Metropole das Leben auf Sparflamme kocht, sieht man sie einsteigen und im hinteren Busteil verschwinden ganz wie normale Leute. Doch sie steigen nicht wieder aus...

Für Jahrhunderte waren die britischen Inseln mit ihren unzähligen Schlössern und Burgen, Kirchenruinen und sonstigen alten Gemäuern im Schleier der sprichwörtlichen Nebelschwaden ein Paradies und Refugium für Spukgestalten aller Art, die als Totengeister, deformierte Tiere oder formlose Wesen vor allem die Landbevölkerung das Fürchten lehrten. Wenn ein Toter nicht ordnungsgemäß bestattet wurde, etwa ein Gehängter zur Abschreckung am Galgen hängen blieb, konnte seine Seele nicht ihre letzte Reise in den Himmel oder die Hölle antreten, glaubte das Volk. Und auch die Kirche unterstützte ungewollt den Geister-Glauben, indem sie in "Gespensterprozessen" dem Spuk Herr zu werden versuchte. In zahllosen Liedern, Geschichten und Sagen haben Gespenster Einzug gehalten. Die englische Literatur der Hoch- und Spätromantik wurde stilbildend für die moderne Gruselgeschichte. Edward George Bulwer-Lytton, Charles Dickens, Henry James und der Ire Joseph Sheridan Le Fanu kümmerten sich hingebungsvoll und zur Freude ihrer Leser um das Übersinnliche. Der berühmteste britische Geist ist neben dem Puck in Shakespeares "Sommernachtstraum" wohl das Gespenst von Canterville, das in der gleichnamigen Erzählung von Oscar Wilde zu literarischen Ehren kam.