Kategorie: Europa, Großbritannien, United Kingdom, London

Zu Gast bei Geisterns

Von: Martin Wein

Nach 1945 begann eine schwere Zeit für die Übersinnlichen: Ruinen wurden restauriert, alte Adelssitze ohne Rücksicht auf ihre immateriellen Bewohner in luxuriöse Landhotels und Touristenattraktionen umgewandelt. Doch inzwischen haben sie sich emanzipiert, trauen sich angeblich sogar in die großen Städte. Immer wieder erscheinen Meldungen über mysteriöse Ereignisse in den Klatsch-Spalten der Zeitungen. Die Briten tragen es mit Fassung, hegen sogar stille Sympathie. Und nur mit dieser Einstellung kann man gefahrlos auf Geister-Jagd gehen in dunklen Seitenstraßen, Kirchenschiffen oder U-Bahn-Tunnels. Wenn man gerade nicht daran denkt, kann man ihnen begegnen, sagen die Leute. Das Vertrackte ist: Man merkt es erst hinterher. Zu einem Beweisfoto oder Autogramm hatte noch niemand Gelegenheit. 

Wer der Verlockung des schönen Schauders zu sehr erliegt, das "gi-spannst" stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet ungefähr "Verlockung", oder sich als strikter Rationalist an die falschen Orte begibt, der kann eine böse Überraschung erleben. Letzteres erfährt man etwa in den Chislehurst Caves, einem Kalksteinlabyrinth im Nordosten Londons. Nachdem die Höhlen ihre Funktion als Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg unzerstört überstanden hatten, zogen dort andere Immigranten ein. Ein altes Weib wurde gesehen, und ein Buckliger. Auch klagendes Wiehern soll durch die finsteren Gänge hallen, von Pferden, die einst mitsamt ihrem Stall durch die Höhlendecke einbrachen und jammervoll verendeten.

Ein junger Mann, angeblich ein Geistlicher, begab sich heimlich nachts dort hinein. Man fand ihn zwei Wochen später. Die ärztliche Diagnose: Tod durch Erschrecken. Ein beherzter Polizist wollte den einsetzenden Gerüchten ein Ende machen, er ließ sich in den Höhlen einschließen. In der Nacht hörte er Schritte hinter sich und heftiges Atmen. Der Mann wagte nicht, sich umzudrehen. Für kein Geld der Welt wolle er diese Nacht wiederholen, sagte er später bekehrt.

Tauben und Touristen: Der Trafalgar Square, wo sich sonst im Jahr Gefiederte und Besucher guten Tag und gute Nacht sagen, wird in der Silvesternacht zum pulsierenden Hexenkessel der Londoner und Fremden.Ob Gespenster existieren, ist bislang nicht zu entscheiden. Beweise fehlen. Doch Gerüchte lassen sich nicht ausrotten. Auf jeden Fall ist ein Bummel durch das nächtliche London auch für den Mitteleuropäer ein Erlebnis. Viele Engländer allerdings hegen nicht den leisesten Zweifel: Die Übersinnlichen gehören für sie zum nationalen Erbe wie der Tee und das Salz in der Butter. Und kein unwissender Technokrat wird ihre Meinung ändern.  Die Gespenster sind ja auch "very british."