Sich auf Vorurteile zu verlassen, kann fatale Fehlurteile nach sich ziehen. Wer über den EU-Beitritt der Türkei, über die Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft, über multikulturelles Miteinander jenseits von Stammtischparolen diskutieren will, der muss zwangsläufig einen Blick über den Tellerrand werfen. Die aktuelle Interkulturelle Woche in Wilhelmshaven ist dazu ebenso geeignet wie ein Abstecher an die Grenzen Europas.
Glaubt man gängigen Medien-Klischees, dürfte man als Tourist im islamischen Fastenmonat Ramadan tagsüber nicht mal seinen Tee im Freien schlürfen. Was für streng islamische Länder wie den Iran oder Saudi-Arabien gelten mag, erlaubt keine Verallgemeinerung. Die Türken zum Beispiel sind viel zu gastfreundlich und geschäftstüchtig, um den westlichen Gästen nicht den geliebten Apfeltee zu kredenzen. Und dazu etwas honigsüßes Baklava oder einen flambierten Milchreis? Und selbst ein Land wie die Türkei darf man nicht über einen Kamm scheren. Während Istanbul sich überwiegend prowestlich gibt, selbst im „Grand Basar“ kaum noch orientalisch wirkt, kommt sich der Reisende in der Kurdenhauptstadt Diyarbakir im weiten Osten des Landes noch heute vor wie ein Fremdkörper und muss sich verstärkt traditionellen Wertvorstellungen anpassen.
Nach Istanbul sollte man gerade während des aktuell gefeierten Ramadan reisen. Jeden Abend, wenn ein Kanonenschuss das Fastenbrechen signalisiert, strömen Tausende etwa rund um die Blaue Moschee und den Kaiser-Wilhelm-Brunnen davor zusammen, um zu picknicken, die Restaurants zu stürmen oder die zahllosen Buden, Verkaufsstände und Karussells zu frequentieren. Gegarte Maronen, von Hand gedrehte Lutscher, rosa Zuckerwatte und türkischer Kaffee im Messingkännchen stehen hoch im Kurs. Ausgelassen stampfen die Eisverkäufer ihr Eis, schwingen den Klumpen wie einen Pfannkuchen durch die Luft und necken ihre Käufer, indem sie ihnen die Waffel an einer langen Eisenstange im letzten Augenblick vor dem Zugreifen wieder entreißen. Hier ist von Fanatismus nichts zu spüren. Und wer am geräumigen Atatürk-Airport das Bodenpersonal mit einem freundlichen „Merhaba“ grüßt, der bekommt einen extra bequemen Sitzplatz. Darauf kann man bei der Bahn in Deutschland lange warten.