Kategorie: Grönland, Europa

Grönland: Zum Schmelzen schön

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Grönlands Gletscher schmelzen im Rekordtempo und sorgen bei Wissenschaftlern und Touristen für eisigen Nervenkitzel. Eine Reise auf den Spuren des Klimawandels in der Arktis.

Teufelsmund haben die Einheimischen den glasklaren Schmelzwassersee auf dem Inlandeis getauft.

Der Klimawandel raubt uns den Schlaf. Als dumpfer Donner wie von einem Schlachtfeld grollt er alle paar Minuten über die Bucht und selbst bei geschlossenen Fenstern bis in die Betten in unserem rot getünchten Holzhäuschen. Dann ist wieder ein Eisbrocken aus der drei Kilometer breiten Front des Eqi-Gletschers 160 Meter tief ins Meer gestürzt. Der laute Knall rührt von eingeschlossener Luft, die oft nach Jahrtausenden unter hohem Druck nun explosionsartig freigesetzt wird. So groß sind die Stücke bisweilen, dass noch hier in zwei Kilometern Entfernung bis zu fünf Meter hohe Flutwellen drohen.

Eqi ist einer der großen Ausflussgletscher vom grönländischen Inlandeis. Wie dieser bis zu 3,5 Kilometer dicke Eispanzer auf die Erderwärmung reagiert, ist eine der großen Fragen in der Klimafolgenforschung. Schon wie stark der Eisfluss am Eqi Gletscher ist, darüber gibt es unterschiedliche Schätzungen. An seiner Seitenmoräne kann man zumindest zweifelsfrei erkennen, dass der Gletscher seit 1920 mehrere Kilometer geschrumpft ist.

„Der Klimawandel ist hier allgegenwärtig“, sagt der Däne Adam Waarst, der in diesem Jahr das Touristen-Camp leitet. Von Sommeranfang bis Mitte September sind die 15 Hütten mit Restaurant nahezu ausgebucht. Schon binnen weniger Jahre, seit Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2007 hier für den Klimaschutz warb, hat der Eisstrom sein Gesicht stark verändert. „In diesem Jahr sind die Abbrüche besonders anhaltend. Vermutlich ist der Gletscher an der Strandlinie angekommen. Seine Zunge treibt also bald nicht mehr auf dem Meer“, berichtet Waarst. Die Eisschollen in der Bucht dürften damit demnächst Vergangenheit sein. Je weiter sich die Zunge auf dem Hang zurückzieht, desto steiler wird der Untergrund im Verhältnis zur Gesamtlänge. Immer mehr Eis kommt so ins Rutschen. Die Schmelze beschleunigt sich. In zehn, vielleicht 15 Jahren, so schätzt Adam Waarst, wird das Camp seinen spektakulären Gletscherblick verlieren.

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