Eine Reise durch den nordindischen Bundesstaat Rajasthan konfrontiert Europäer mit der Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitalter und Lebensweisen, mit blendendem Reichtum und bedrückender Armut, mit viel Toleranz, aber auch großem Beharrungsvermögen. Eben noch im Mittelalter, wähnt er sich alsbald in ferner Zukunft. Goldstarrende Paläste und Perlen der Architektur wie das Taj Mahal oder der Palast der Winde in Jaipur stehen neben kärglichen Hütten aus Lehm und Stroh.
Wo Händler Mineralwasserflaschen gemeinsam mit einem Internet-Zugang vermarkten, während vor der Tür Kühe und Schweine die Zeitung vom Vortag fressen, ist vieles denkbar, aber lange nicht alles möglich. Das eigentlich macht sie aus, die Faszination Indiens.
„Party oder Diskotheken gibt es nicht. Vertraulich wird man erst in der Ehe“, sagt Raj, 21-jähriger Student an der Miniatur-Malschule des Maharajas von Udaipur. Hier lernt er ein Jahrhundertealtes Handwerk, träumt von der Zukunft und lebt trotz aller oberflächlichen Neuerungen in einem System traditioneller Werte und Normen. Bei der Auswahl der Ehepartner haben die Eltern noch ein großes Wort mitzureden, oft werden alte Witwen oder Vermittler tätig. Mitgift und soziale Stellung sind wichtiger als die große Liebe.
Die kennt Raj vor allem aus dem Kino, jenen meist dreistündigen operettenhaften Schnulzen aus der indischen Filmschmiede Bombay, von Kennern liebevoll „Bollywood” genannt. Hier vergessen er und seine filmverliebten Landsleute ihren schwierigen Alltag und kommen zu ganz neuen Einsichten.