Kategorie: Asien, Indien, Rajasthan

Zwischen Kühen, Kino & Computern - Oder: Ganesh wird’s schon richten.

Von: Martin Wein

Am Fingernagelsee in Mount Abu lauscht der indische Mittelstand andächtig dem Wummern englischer Dancefloor-Hits, die aus den Lautsprechern am Icecream-Parlor von Herz und Schmerz und Liebe quäken. Mit billigen Sonnenbrillen und einen Fotoapparat um den Hals pilgern junge Familien aus Delhi, Bombay und den Städten des rajasthanischen Tieflandes in die einstige Sommerfrische der britischen Kolonialherren und spielen in vorsichtiger Freizügigkeit und plagiierten Markenklamotten verliebte Europäer.

Zugiges Wahrzeichen Rajasthans - der „Palast der Winde“ im rosaroten Jaipur ist kaum mehr als eine Fassade. Hinter ihr konnten die Damen des Maharajas ungesehen den Festumzügen auf der Straße zuschauen.

Eine Reise durch den nordindischen Bundesstaat Rajasthan konfrontiert Europäer mit der Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitalter und Lebensweisen, mit blendendem Reichtum und bedrückender Armut, mit viel Toleranz, aber auch großem Beharrungsvermögen. Eben noch im Mittelalter, wähnt er sich alsbald in ferner Zukunft. Goldstarrende Paläste und Perlen der Architektur wie das Taj Mahal oder der Palast der Winde in Jaipur stehen neben kärglichen Hütten aus Lehm und Stroh.

Viele der strengen Moralvorstellungen haben bis heute überdauert. Auch der elefantenköpfige Hindu-Gott Ganesh ist beliebt wie eh und je.Wo Händler Mineralwasserflaschen gemeinsam mit einem Internet-Zugang vermarkten, während vor der Tür Kühe und Schweine die Zeitung vom Vortag fressen, ist vieles denkbar, aber lange nicht alles möglich. Das eigentlich macht sie aus, die Faszination Indiens.
„Party oder Diskotheken gibt es nicht. Vertraulich wird man erst in der Ehe“, sagt Raj, 21-jähriger Student an der Miniatur-Malschule des Maharajas von Udaipur. Hier lernt er ein Jahrhundertealtes Handwerk, träumt von der Zukunft und lebt trotz aller oberflächlichen Neuerungen in einem System traditioneller Werte und Normen. Bei der Auswahl der Ehepartner haben die Eltern noch ein großes Wort mitzureden, oft werden alte Witwen oder Vermittler tätig. Mitgift und soziale Stellung sind wichtiger als die große Liebe.

Die kennt Raj vor allem aus dem Kino, jenen meist dreistündigen operettenhaften Schnulzen aus der indischen Filmschmiede Bombay, von Kennern liebevoll „Bollywood” genannt. Hier vergessen er und seine filmverliebten Landsleute ihren schwierigen Alltag und kommen zu ganz neuen Einsichten.